Wir haben hier sogar einen Internet Anschluss, den wir benutzen können, wenn wir ganz „brav“ waren. Dann hocke ich da in den Chaträumen und rede mit den sexsüchtigen über meine Wehwehchen, welche mich so bedrücken hier; und ich schreibe ellenlange Emails, den Seelenverwandten oder dem barmherzigen Herz, das mir seine „addy“ in einer schwachen Stunde offenbarte.
Ich habe auch einen Fernseher in meinem Zimmer, der die ganze Zeit läuft. Ich schalte ihn nie ab. Mache mir meine Gedanken darüber, aus Langeweile, um mich irgendwie zu beschäftigen, weil ich mich beim Lesen so schwer tue.
Meine Gedanken quälen mich manchmal, und ich kann sie nicht stumm stellen, weil sie ohne mein zutun Laut reden. Immerfort. Manchmal träume ich auch laut, und wenn ich mittendrin aufwache, merke ich wie ich stumm vor mich hinrede, oder sind es wieder meine lauten Gedanken. Sind es diese Gedanken, die ich im Traum als Bilder sehe?
Was sehe ich. Ich bin kein phantasievoller Mensch, aber warum sehe ich in meinen Träumen manchmal Menschen, die ich nicht kenne, die mich trösten und Ratschläge geben. Die mit mir Grillen gehen? Dann wache ich auf, weil es mich erschrickt, dass ich all meine Zähne verloren habe, und reflexartig greife ich in mein Mund und fühle die Zähne. Und ich meine, der eine unter Zahn wackelt sehr verdächtig.
Und ich sehe rüber zu meinem Tisch, wo noch ein Stück Gurke übrig ist, vom Vortag, den ich aufgehoben habe, weil sie mich an meinen Vater erinnerte, und ich denke mir, ich werde nie wieder in etwas Hartem genüsslich reinbeißen können. Und der Gurkengeruch, frisch und grün steigt mir in die Nase und ich sehe meinen Vater wieder, wie er die halbe Vespergurke viertelt, mit den Fingern Salz einstreut und das Grün mit seinen Händen reibt, als würde er damit Feuer machen. Dann reicht er mir ein Viertel und ich ziere mich und sage schmollend: Neeeein! Doch als er es knackend, saftig aufzuessen anfängt, und der Geruch mir entgegen spritzt, so gucke ich doch habenwollend, und ziere mich noch die Hand auszustrecken. Obgleich ich danach geifere, zage ich danach zu greifen, als würde ich mich vor einer verbotenen Frucht schützen wollen, das mir die ewige Verdammnis bringt. Vor meinen Augen hat Vater alles aufgegessen und der Anblick der leeren Stelle, an der der Gurkenviertel lag, ist mir ein Stich im Herzen. Und ich bin erbost, dass er es mir kein zweites Mal mehr anbot. Als Vater sich an eine zweite Hälfte der Vespergurke macht, es viertelt und salzt, merke ich, wie das Wasser mir im Mund zusammenläuft. Vater schielt zu mir rüber ohne sein Kopf von der frisch nach Grün duftenden Gurke zu heben. Er grinst. Als er mir jetzt ein Viertel anbietet sage ich nicht nein und strecke meine Kinderhand aus. Aber irgendwie will die Gurke mir nicht so gut schmecken wie ihm.
Die Gurke auf dem Teller vor mir im Gefängnis riecht farblos wässrig.
Montag, 5. Oktober 2009
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